| Datum: |
10.08.2026 |
| Position: |
72°01.2’N / 023°03.9’W |
| Wind: |
SE2 |
| Wetter: |
Sonnig |
| Lufttemperatur: |
+13 |
Ein Expeditionstag in der Arktis verläuft nur selten genau nach Plan – und der heutige Tag war ein perfektes Beispiel dafür. Was mit der Aussicht auf eine morgendliche Anlandung im Antarctic Havn begann, entwickelte sich schnell zu einer unerwarteten Begegnung mit der Tierwelt, gefolgt von einem spektakulären Nachmittag in der Landschaft des Fleming Fjords.
Die für den Morgen geplante Anlandung im Antarctic Havn musste abgesagt werden, nachdem das Expeditionsteam bei der Erkundung des vorgesehenen Anlandungsplatzes eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht hatte: In der Nähe befand sich ein Eisbär. Damit war dies bereits der fünfte Eisbär, dem wir während der Reise begegnet waren – für einige der an Bord befindlichen Guides sogar ein Rekord für Grönland. Die Sicherheit sowohl der Gäste als auch der Tiere hat während einer Expedition stets höchste Priorität, und die Anwesenheit des Eisbären bedeutete, dass die Anlandung nicht stattfinden konnte. Stattdessen wurden wir vom Schiff aus mit dem bemerkenswerten Anblick belohnt, als sich der Eisbär entlang der Küstenlinie bewegte.
Eine Zeit lang wanderte der Bär am Wasser entlang und bot uns die Gelegenheit, eines der bekanntesten Tiere der Arktis in seinem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Schließlich begab er sich ins Wasser, was die Abfahrt des Schiffes aus diesem Gebiet auslöste.
Auch wenn die abgesagte Anlandung zunächst enttäuschend war, zeigte diese Begegnung eines der wichtigsten Prinzipien einer Expeditionsreise: die Pläne bleiben flexibel und die Natur hat immer Vorrang. Eine unerwartete Tierbeobachtung kann einen gewöhnlichen Morgen in eines der unvergesslichsten Erlebnisse einer Reise verwandeln.
Nach der Absage der morgendlichen Anlandung passte das Expeditionsteam das Programm schnell an. Wir konnten an zwei Vorträgen über Eisbären teilnehmen und dabei mehr über das Tier erfahren, das wir gerade erst mit etwas Glück in freier Wildbahn beobachten konnten. Gabi hielt ihren Vortrag auf Englisch, während Koen das Thema auf Deutsch präsentierte. Die Vorträge boten uns die Gelegenheit, mehr über das Verhalten und die Biologie der Eisbären sowie über ihre speziellen Anpassungen an das Leben in der Arktis zu erfahren. Einen Eisbären in freier Wildbahn zu beobachten und anschließend mehr über seine Ökologie zu lernen, war dabei eine besonders passende Kombination. So wurde der Morgen nicht nur zu einer außergewöhnlichen Tierbegegnung, sondern auch zu einer lehrreichen Gelegenheit, diese Beobachtung in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.
Die unerwartete Beobachtung am Morgen bedeutete außerdem eine frühere Abfahrt als ursprünglich geplant aus dem Antarctic Havn. Das Schiff begann die lange Fahrt zum Ziel der Nachmittagsanlandung: dem Fleming Fjord.
Der Fleming Fjord ist für seine dramatische arktische Landschaft bekannt. Mächtige Berge, weitläufige Täler und ausgedehnte Vegetationsflächen bilden eine beeindruckende Kulisse für die Erkundung. Nach den unerwarteten Ereignissen des Vormittags wuchs die Vorfreude, während sich das Schiff dem nächsten Anlandungsplatz näherte.
Als das Expeditionsteam den Anlandungsplatz erreichte, hätten die Bedingungen kaum besser sein können. Strahlender Sonnenschein und nahezu völlige Windstille erwarteten uns im Fleming Fjord. Es waren genau die arktischen Wetterbedingungen, die einen spektakulären Nachmittag an Land versprachen.
Die drei Wandergruppen – lang, mittel und kurz – gingen an Land und machten sich auf ihre jeweiligen Routen. Jede Gruppe bot eine eigene Möglichkeit, die Landschaft zu erleben, sodass wir entsprechend unseren Interessen und körperlichen Möglichkeiten auf Erkundung gehen konnten.
Die Landschaft war atemberaubend, doch es war vor allem die Kombination aus Landschaft, Flora und Fauna, die diesen Nachmittag so besonders machte. Überall auf den Hängen war die arktische Natur voller Leben. Moschusochsen waren zu beobachten, wie sie sich gemächlich über die Hänge bewegten. Ihre kräftigen Körper sind perfekt an die anspruchsvollen Bedingungen des hohen Nordens angepasst. Ihre scheinbar entspannten Bewegungen standen dabei in starkem Kontrast zu der rauen Umgebung, an die sie sich im Laufe ihrer Evolution angepasst haben.
Etwas näher am Boden spielte sich ein weiteres faszinierendes Schauspiel ab. Hummeln bewegten sich von Blüte zu Blüte und suchten die Vegetation ab, die die Hänge bedeckte. Ihre Anwesenheit verdeutlichte die erstaunliche Produktivität des arktischen Sommers: die kurze Vegetationsperiode bringt eine regelrechte Explosion des Pflanzenlebens hervor und bietet Nahrung für eine Vielzahl von Insekten und anderen Tieren.
Für uns auf den Wanderungen waren diese Begegnungen eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass die arktischen Landschaften keineswegs karg oder leblos sind. Selbst in einer so abgelegenen und extremen Umgebung existiert ein komplexes Ökosystem, das sich über Berge, Täler und die Tundra erstreckt.
Nach der Rückkehr der Gruppen von unseren Wanderungen endete der Tag mit dem abendlichen Recap des Expeditionsteams. Chloé stellte die Pläne für den folgenden Tag vor und gab uns einen Einblick in das, was sie im weiteren Verlauf der Reise erwarten würde. Das Recap wurde außerdem durch zwei kurze informative Präsentationen ergänzt.
Mark stellte uns das Alpenschneehuhn vor, einen bemerkenswerten arktischen Vogel mit einer Reihe von Anpassungen, die ihm das Überleben in den anspruchsvollen Lebensräumen des Nordens ermöglichen. Anschließend sprach Ursula über die Anpassungen arktischer Blumen und erklärte, wie es den Pflanzen gelingt, trotz der kurzen Vegetationsperiode und des anspruchsvollen Klimas zu wachsen, zu blühen und sich fortzupflanzen.
Es war ein passender Abschluss für einen Tag, der sich unerwartet um das Thema Anpassung gedreht hatte – vom Eisbären, der in einer der unwirtlichsten Regionen der Welt überlebt, über die Moschusochsen bis hin zu den winzigen Blumen und Hummeln, die während des kurzen arktischen Sommers gedeihen.
Der Tag im Antarctic Havn und im Fleming Fjord zeigte eindrucksvoll, warum eine Expeditionsreise so anders ist als eine klassische Kreuzfahrt. Der ursprüngliche Plan mag durch die Anwesenheit eines Eisbären durchkreuzt worden sein, doch die Änderung führte zu einem völlig anderen Erlebnis. Wir konnten eine außergewöhnliche Tierbegegnung erleben, mehr über Eisbären vom Expeditionsteam erfahren, zu einem spektakulären Fjord weiterreisen und den Nachmittag bei strahlendem arktischem Sonnenschein in der Natur verbringen.
Von den größten Tieren an den Berghängen bis hin zu den kleinsten Blumen unter unseren Füßen bot jeder Teil des Tages eine Gelegenheit, mehr über die arktische Umwelt zu lernen.
Am Ende mag das Expeditionsteam die Pläne machen – doch in der Arktis haben die Tierwelt und die Landschaft immer das letzte Wort.