| Datum: |
02.07.2026 |
| Position: |
80°53.4’N / 017°10.41’E |
| Wind: |
SW4 |
| Wetter: |
Bewölkt |
| Lufttemperatur: |
+3 |
Nach unserem gestrigen Tag im Packeis mit zahlreichen Beobachtungen von Walen, Robben und Seevögeln standen wir heute Morgen alle in der Hoffnung auf, endlich unseren ersten Eisbären zu entdecken. Ein Blick aus dem Fenster zeigte jedoch zunächst ein ganz anderes Bild als am Vortag. Die MV Plancius glitt ruhig und gleichmäßig durch offenes Wasser, in dem kleinere und größere Eisschollen trieben. Nach einer zusätzlichen halben Stunde Schlaf und dem Frühstück verteilten sich alle Gäste auf die Außendecks, in die Lounge und auf die Brücke, um aufmerksam das Eis zu beobachten, das im Laufe des Morgens zunehmend dichter wurde.
Leider zog im Laufe des Vormittags dichter Nebel auf, der das Schiff und die umliegende Eislandschaft wie ein Schleier einhüllte und die Sicht erheblich einschränkte. Gleichzeitig verliehen die Stille, das besondere Licht und der Nebel der Umgebung eine beinahe magische Atmosphäre, die wir alle genießen konnten. Doch je mehr Zeit verging, desto schwieriger wurde es, die Konzentration beim Absuchen von Wasser und Eis aufrechtzuerhalten. Umso willkommener war das „Bing Bong“, das Ross' Vortrag über die Vogelwelt ankündigte.
Während draußen Eissturmvögel, Dickschnabellummen und Krabbentaucher am Schiff vorbeizogen, stellte Ross einige der Vogelarten vor, denen wir auf Spitzbergen besonders häufig begegnen können. Dazu gehörte die elegante Dreizehenmöwe, die wir bereits während unserer Zodiacfahrt vor dem Lilliehöökbreen beobachten konnten. Ebenso die Küstenseeschwalbe, die jedes Jahr bis in die subantarktischen Gewässer zieht und dabei rund 70.000 Kilometer zurücklegt, die längste bekannte Zugstrecke aller Vögel. Natürlich durfte auch der Eissturmvogel nicht fehlen, der uns häufig in Augenhöhe begleitet, wenn wir auf dem obersten Deck stehen. Seine Schönheit erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick, doch durch das Fernglas werden seine feinen Zeichnungen und seine elegante Erscheinung besonders deutlich. Als Vertreter der Röhrennasen besitzt er die charakteristischen röhrenförmigen Nasenöffnungen auf dem Schnabel, über die überschüssiges Salz ausgeschieden wird. Ross stellte uns noch viele weitere Vogelarten vor, von denen wir hofften, einigen in den kommenden Tagen noch zu begegnen.
Im Laufe des Tages fuhren wir langsam weiter durch das Eis, erreichten Gebiete mit einer höheren Dichte an Eisschollen und ließen schließlich auch den Nebel des Vormittags hinter uns. Trotz der vielen aufmerksamen Augen, Ferngläser und Kameras, die die Umgebung unermüdlich absuchten, bekamen wir lediglich einige Sattelrobben sowie Krabbentaucher zu Gesicht, die über das Wasser flogen oder zwischen den Eisschollen rasteten. So sehr wir uns über diese Beobachtungen freuten, hofften wir doch alle insgeheim auf die Begegnung mit einem Eisbären.
Nach dem Mittagessen bot Chloé einen spannenden Workshop über Phyto- und Zooplankton an. Mithilfe eines kleinen Mikroskops mit Bildschirm konnten wir die faszinierende Welt der winzigen Organismen am Anfang des marinen Nahrungsnetzes aus nächster Nähe betrachten. Dazu gehörten unter anderem Dinoflagellaten und junge Ruderfußkrebse. Am späteren Nachmittag gab Nathalie einen interessanten Einblick in die Geschichte Spitzbergens, das 1596 von Willem Barents entdeckt wurde. Schon bald folgten zahlreiche Robbenjäger, die die damals noch sehr häufigen Robben und Walrosse im gesamten Archipel bejagten. Als die ersten Expeditionen nach Europa zurückkehrten, verbreitete sich rasch die Nachricht vom großen Walreichtum der arktischen Gewässer. Dies führte im 16. und 17. Jahrhundert zu einer intensiven Walfangindustrie und schließlich zur starken Übernutzung der Großwale.
Nach der Zusammenfassung des Tages, bei der Ursula spannende Einblicke in das Leben der Sattelrobben gab und Chloé uns die planktonische Welt unter dem Meereis näherbrachte, begaben wir uns auf das Achterdeck, wo ein köstliches Barbecue im Freien auf uns wartete. Trotz der Kälte genossen wir alle dieses besondere Abendessen. Aus Respekt vor der Tierwelt der Arktis verzichteten wir auf eine Feier mit Tanz und lauter Musik.
Später versammelten sich viele von uns in der Lounge. Eine etwas gedrückte Stimmung lag in der Luft. Auch an unserem zweiten Tag im Packeis hatte sich kein Eisbär gezeigt. Uns war bewusst, dass unsere Chancen, noch einen zu sehen, bald gegen null gehen würden, da wir das Packeis schon bald verlassen und unseren Kurs wieder nach Süden richten mussten.
Doch dann, völlig unerwartet, ertönte das vertraute „Bing-Bong“ aus den Lautsprechern: Ein Grönlandwal befand sich ganz in der Nähe des Schiffes! Ich, der Verfasser dieses Berichts, blieb für einen kurzen Moment zurück und beobachtete, wie die Menschen aufsprangen, Jacken, Mützen, Handschuhe, Ferngläser und Kameras schnappten und zügig zur nächstgelegenen Tür eilten, um an Deck zu gelangen. Es war faszinierend zu sehen, wie sich die Stimmung innerhalb weniger Sekunden von gedrückt zu grenzenloser Begeisterung wandelte.
Anschließend wurden wir mit einer langen und außergewöhnlichen Beobachtung einer echten arktischen Walart belohnt. Der Wal schwamm ganz nah am Schiff vorbei; sein markant runder Kopf tauchte immer wieder an der Wasseroberfläche auf, und wir konnten sogar sein Ausatmen hören. Zu unserer Überraschung hob er bei jedem Auftauchen seine Schwanzfluke hoch aus dem Wasser – ein beeindruckendes Schauspiel. Ehrfürchtig und ganz still beobachteten wir dieses außergewöhnlich majestätische Tier.
Erfüllt von den Erlebnissen des Tages und voller Vorfreude auf das, was die Arktis noch für uns bereithalten würde, gingen wir schließlich zu Bett.