| Datum: |
12.07.2026 |
| Position: |
79°25.0’N / 020°18.5’E |
| Wind: |
SSE5 |
| Wetter: |
bewölkt |
| Lufttemperatur: |
+6 |
Wir erwachen bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel, während die MV Plancius ruhig auf Torellneset zusteuert. Noch bevor wir die Zodiacs besteigen, entdecken wir bereits die ersten Walrosse. An Land angekommen, unternimmt eine Gruppe einen kurzen Spaziergang, während sich die übrigen von uns langsam und möglichst lautlos der Walrosskolonie am Strand nähern.
Die Landschaften Nordaustlandets unterscheiden sich deutlich von der zerklüfteten Gebirgsküste Westspitzbergens. Hier im Nordosten sind die Berge niedrig und sanft gerundet, geformt von den Gletschern der letzten Eiszeit. Die Vegetation ist spärlich. Nur wenige nickende Steinbrechgewächse und die widerstandsfähigen Spitzbergenmohnblumen setzen farbige Akzente in der Tundra. In der Ferne genießen wir einen freien Blick auf Vegafonna, die nächstgelegene Eiskappe.
Die Walrosse zu beobachten ist ein ganz besonderes Erlebnis. Über den Strand verteilt liegen sie dicht beieinander, oft sogar übereinander. Sie grunzen, kratzen sich, liefern sich spielerische Rangkämpfe oder ruhen einfach entspannt aus. Besonders glücklich schätzen wir uns, zwei Jungtiere zu entdecken. Das ältere wurde wahrscheinlich im vergangenen Jahr geboren, trägt bereits kleine Stoßzähne und blickt neugierig in die Runde. Das zweite Kalb stammt vermutlich aus diesem Jahr und liegt eng an seine Mutter geschmiegt. Lange beobachten wir diese beeindruckenden Tiere, bevor wir uns leise wieder zurückziehen. Inzwischen ziehen Wolken auf und der Wind frischt spürbar auf.
Während die MV Plancius zur Mittagszeit zwischen den kargen Inseln hindurchfährt, erklingt das vertraute „Ding Dong“ der Borddurchsage. Diesmal bringt sie besonders aufregende Neuigkeiten. Expeditionsleiter Philipp hat einen Eisbären entdeckt. Sofort eilen wir an Deck. Zunächst ist nur ein heller Punkt vor dem dunklen Basalt einer felsigen Insel zu erkennen. Als sich das Schiff nähert, wird der Bär immer deutlicher sichtbar. Ruhig wandert er über die Landschaft und sucht nach Nahrung. Über ihm kreisen zahlreiche Küstenseeschwalben, die den Eisbären immer wieder attackieren, um ihre Nester zu verteidigen. Nach der Hartnäckigkeit der Vögel zu urteilen, dürfte der Eisbär heute wohl bereits das eine oder andere Ei gefrühstückt oder zu Mittag verspeist haben.
Nur ungern lassen wir den Eisbären hinter uns, denn am Nachmittag wartet bereits das nächste spannende Abenteuer.
Als wir Alkefjellet erreichen, hat sich das Wetter vollständig verändert. Kräftiger Wind peitscht über das Meer, graue Wolken ziehen auf und starker Seegang lässt die MV Plancius rollen, während die Zodiacs zu Wasser gelassen werden. Die Bedingungen wirken wenig einladend, doch wir sind alle sehr froh, dass wir uns dennoch für den Ausflug entscheiden.
Alkefjellet ist schlicht atemberaubend. Gewaltige Basaltsäulen steigen senkrecht aus dem Meer empor und wirken umso beeindruckender, je näher wir ihnen kommen. Das Erlebnis ist überwältigend. Rund 60.000 Paare Dickschnabellummen drängen sich Schulter an Schulter auf den schmalen Felsvorsprüngen. Die Altvögel sitzen mit dem Blick zur Felswand und schützen ihre frisch geschlüpften Küken. Die Luft ist erfüllt von Vögeln. Tausende starten und landen in einem ununterbrochenen Strom, während ihre lauten Rufe die steilen Klippen und die gesamte Bucht erfüllen. Hoch oben auf den Felsen halten Eismöwen Ausschau nach unbewachten Eiern oder Küken. Diese Zodiacfahrt bleibt unvergesslich.
Zurück an Bord gibt Kati einen informativen Rückblick über die Walrosse, während Ross Spannendes über das Leben der Dickschnabellummen erzählt.
Doch dieser außergewöhnliche Tag ist noch immer nicht zu Ende. Während des Abendbriefings verkündet Philipp, dass unser Kapitän noch eine letzte Überraschung für uns bereithält. Wir unternehmen eine Panoramafahrt entlang des beeindruckenden Bråsvellbreen. Dieser Gletscher bildet den südlichsten Auslass des Austfonna, der größten Eiskappe Europas, deren Kalbungsfront sich über mehr als 200 Kilometer erstreckt.
Schon lange bevor wir den Gletscher erreichen, beherrscht er den Horizont. Eisberge, von denen einige fast so hoch sind wie die MV Plancius, treiben lautlos an uns vorbei. Der Anblick ist einzigartig. Über 30 Meter hohe Eiswände ragen aus dem Meer empor, während zahllose Wasserfälle von der Gletscheroberfläche in den Arktischen Ozean hinabstürzen. Im warmen Licht des späten Abends gleiten wir etwa eine Stunde lang langsam an dieser gewaltigen Eisfront entlang und genießen ihre überwältigende Größe und Schönheit. Es ist kaum vorstellbar, welche Ausmaße der Austfonna besitzt, die drittgrößte Eiskappe Europas.
Der kräftige Wind hat eindrucksvolle Wellen aufgebaut und verleiht dieser ohnehin unvergesslichen Kulisse noch zusätzliche Dramatik. Schließlich verlassen wir nur widerwillig das Außendeck und gehen unter Deck. Damit endet ein weiterer außergewöhnlicher Tag in der Hocharktis.