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Logbook

Einschiffung in Longyearbyen
  • Date: 31.07.2015
  • Position: 78°14.0’N / 015°35.2’E
  • Wind: ESE 3
  • Weather: wolkenlos
  • Air Temperature: +18°C

Endlich war der große Tag gekommen! Bei unserer Ankunft am Pier von Longyearbyen, der magischen Grenze der Zivilisation, wurden wir von unserem Expeditionsteam willkommen geheißen. Für die meisten von uns begann hier eine spannende Arktis-Premiere, aber auch bei denjenigen, die zum wiederholten Male in dieser Region unterwegs waren, konnte man die Aufregung spüren.
Es war ein herrlich warmer Sommertag. Weil die Plancius vor Anker lag, ging es stilecht per Schlauchboot-Transfer auf das Schiff, unser neues Zuhause. Das Gepäck hatte die Besatzung direkt zur Kabine gebracht, und nach einer kurzen Erkundungstour lernten wir in der Lounge unseren Expeditionsleiter Philipp und sein Team, Hotel-Manager André sowie Kapitän Yevgeny Levakov kennen. Danach ging es mit den notwendigen Einweisungen in die Schiffssicherheit weiter. Bei der obligatorischen Seenotrettungsübung lernten wir, was im Falle einer Evakuierung zu tun ist. Hierbei löste die Brücke den Schiffsalarm aus, und wir holten unsere leuchtend orangefarbenen Schwimmwesten aus den Kabinen, um uns damit in der Lounge einzufinden. Nach der Kontrolle, dass auch wirklich alle anwesend waren, ging es zu den Rettungsbooten, in die wir einen neugierigen Blick warfen.
Während die Plancius im Isfjorden (Eisfjord) nach Westen fuhr und dann auf Nordkurs ging, genossen wir im Restaurant das erste Abendessen an Bord, das Küchenchef Heinz Hacker und sein Team für uns zubereitet hatten. Danach war es Zeit, im Stiefelraum unsere Expeditions-Gummistiefel in Empfang zu nehmen, die wir für die Anlandungen brauchen würden. Bald darauf fanden wir uns wieder auf den Außendecks oder in der Lounge ein, um dem faszinierenden Spiel des Lichts und der Wolken über der Westküste Spitzbergens zuzuschauen. Irgendwann fielen uns trotz strahlender Mitternachtssonne die Augen zu …

Kongsfjord: Ny-Ålesund & Blomstrandhalvøya
  • Date: 01.08.2015
  • Position: 78°58.2’N / 011°44.9’E
  • Wind: N 4
  • Weather: wolkenlos
  • Air Temperature: +14°C

Nach einem gemütlichen Frühstück bei strahlendem Sonnenschein und der herrlichen Kulisse des Kongsfjorden lauschten wir den obligatorischen Einweisungen zum Verhalten im Eisbärenland sowie zu den Zodiacs. Gleich anschließend ging es im Schlauchboot zum Pier von Ny-Ålesund, der ehemaligen Bergbausiedlung, die heute ein Zentrum der Forschung auf Spitzbergen ist. Wir erkundeten bei wolkenlos blauem Himmel und Windstille den Ort, deckten uns im Laden mit Souvenirs, Postkarten und Briefmarken ein, schrieben fleißig Karten nach Hause und versahen sie im alten Postamt mit dem begehrten Stempel. Wir beobachteten Weißwangengänse am nahe gelegenen Teich, die ihren schon recht großen, aber noch flauschigen Nachwuchs spazierenführten, bis plötzlich ein Polarfuchs auftauchte, sich vor unseren Augen eines der Jungen schnappte und damit davonflitzte.
Um 11.00 Uhr sammelten wir uns an der Amundsen-Büste und spazierten hinüber zum Luftschiff-Ankermast. Dort erzählte Aad die Geschichten von Amundsen und Nobilé, und eine längst vergangene Zeit erwachte wieder zum Leben. Mit dem Spektiv konnten wir zwei Seehunde beobachten, die an der nahe gelegenen Küste ruhten und uns nur gelegentlich eines müdes Blickes würdigten. Zahlreiche Küstenseeschwalben, die unweit der Wege ihre Jungen mit kleinen Fischen versorgten, erfüllten die Luft mit schrillen Rufen.
Während des Mittagessens fuhr die Plancius am Kongsbreen entlang und verschaffte uns grandiose Ausblicke auf die kilometerbreite Gletscherfront. Plötzlich entdeckte Arjen am fernen Ufer eine Eisbärin mit ihrem Jungtier. Daraufhin entschloss sich Expeditionsleiter Philipp kurzerhand, die Zodiacs zu Wasser zu lassen. Eine gute halbe Stunde später saßen wir alle in den Booten und beobachteten aus der Nähe die beiden Bären, die sich von uns nicht stören ließen und weiter den Strand entlangtrotteten, während wir diese seltenen Momente mit unseren Kameras festhielten.

Nach einer kurzen Weiterfahrt ging die Plancius gegen 18.00 Uhr vor der Blomstrandhalvøya vor Anker, und wir landeten in Ny-London an. Wir teilten uns in drei Gruppen auf und erkundeten zu Fuß die Gegend. In Ny-London wurde in den 1920ern Marmor abgebaut, der sich jedoch rasch als instabil und somit wertlos erwies. Stumme Zeugen dieser historischen Fehlinvestition sind neben zwei Hütten die rostigen Dampfkessel, Schienenanlagen und ein gut erhaltener Kran.
Aber nicht nur Geschichts-Fans, sondern auch Vogelbeobachter kamen auf ihre Kosten: Die hier brütenden Falkenraubmöwen ließen nicht lange auf sich warten und zeigten sich im Formationsflug. Sie sind eine echte Rarität, da dies der einzig bekannte Brutplatz dieser eleganten Raubmöwen auf Spitzbergen ist. An den beiden kleinen Seen angelangt, konnten wir ein Sterntaucherpaar mit seinem halbwüchsigen Küken sowie eine Eisente mit zwei Jungtieren ausmachen. Den Luftraum bestimmten jedoch auch hier die Küstenseeschwalben, die hier nicht nur ihre Jungen aufziehen, sondern die beiden Stillgewässer auch zur ausführlichen Gefiederpflege nutzen.
Kurz nach der Rückkehr auf die Plancius gegen 19.30 Uhr wartete bereits das Abendessen auf uns, und viele von uns genossen anschließend noch lange das traumhaft schöne Sommerwetter und den wunderbaren Ausblick von den Außendecks oder der Lounge. Was für ein sensationeller Beginn unserer Reise!

Bockfjord, Texas Bar & Monacobreen
  • Date: 02.08.2015
  • Position: 79°27.5’N / 013°20.3’E
  • Wind: NE 2
  • Weather: wolkenlos
  • Air Temperature: +16°C

Der dritte Tag unserer Reise begann erneut mit Sonnenschein und ruhiger See; es gab nicht einmal Dünung, und das Wasser schien wie ein Spiegel. Perfekte Bedingungen für ein gemütliches Frühstück, perfekte Bedingungen für einen weiteren Expeditionstag!
Gut gesättigt begaben wir uns zu den Zodiacs für die erste Landung des Tages im Bockfjord. Bereits in den Zodiacs wurde uns klar, dass wir es auch heute mit wenig arktischen Temperaturen zu tun hatten – es war regelrecht warm, ein richtiger Sommertag! Kaum jemand von uns hatte das erwartet, und so blieben viele dicke Jacken und Pullover an der Landestelle zurück, als wir uns in den gewohnten drei Gruppen auf den Weg machten. Der Bockfjord es ist der einzige Ort auf Spitzbergen, wo man noch heute aktiven Vulkanismus erleben kann. Hier gibt es Reste warmer Quellen und eine Sinterterrasse. Wir spazierten ganz in der Nähe des Landeplatzes über satte Tundra und fanden unter anderem Silberwurz, verschiedene Steinbrecharten, die grünen Kissen des Stengellosen Leimkrauts mit ihren pinkfarbenen Blüten sowie Knöllchen-Knöterich. Auf unterschiedlichen Runden erklommen wir tolle Aussichtspunkte. Das Gelände war anspruchsvoll, aber der Blick über den Fjord und auf den Gletscher war die Anstrengung allemal wert.
Zurück an Bord der Plancius erwartete uns ein leckeres Mittagessen. Am Nachmittag gingen wir dann bei Texas Bar im Liefdefjorden (zu Deutsch: Liebesfjord) an Land. Toller Name, tolle Sache – allerdings ist diese Bar nicht etwa eine Kneipe in der hohen Arktis, sondern eine Hütte, deren Namensursprung bis heute ungeklärt ist. Hochprozentiges gibt es jedenfalls nur in Rosis Bar an Bord der Plancius. Die Hütte stammt aus der Zeit der Jäger und Fallensteller, die auf Spitzbergen vor allem von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre hinter den Eisfüchsen und deren begehrtem Pelz her waren. Die Wandergruppen machten sich umgehend auf den Weg – durch echten Wald. Ja, es gibt Wald auf Spitzbergen! Zwar sind die Bäume nur wenige Zentimeter hoch, aber die Polarweide zum Beispiel gehört eindeutig zu den Bäumen. Wieder ging es hinauf zu tollen Aussichtspunkten, und wir genossen die Fernsicht auf die Gletscherfront des Monacobreen. Winzig klein erschienen von hier aus die Eisberge im Fjord.
Sobald alle an Bord der Plancius zurückgekehrt waren, begann unsere Panoramafahrt zum und entlang des Monacobreen, des großen Gletschers am Ende des Liefdefjordes. Die Eiszunge wurde 1906 nach dem Prinzen Albert von Monaco benannt, der mehrere Expeditionen in die Arktis organisiert und finanziert hatte. Der Anblick der Abbruchkante war atemberaubend, und größere Eisstücke schaukelten an der Plancius vorbei – von wegen winzige Eisberge … Wir beobachteten Raubmöwen, die gemeinschaftlich versuchten, einer Dreizehenmöwe die Beute abzujagen, und genossen den wunderbaren Sonnenschein.
Nach dem Abendessen hatte das Expeditionsteam noch eine Überraschung für uns vorbereitet: Weil wir auf dem Weg aus dem Woodfjord hinaus an der Hütte von Gråhuken vorbeikamen, in der Christiane Ritter 1934/35 gemeinsam mit ihrem Mann Hermann und dem norwegischen Trapper Karl überwintert hatte, erzählte Sandra nach dem Abendessen in der Lounge die Geschichte der Österreicherin, die in einem der schönsten literarischen Zeugnisse aus der hohen Arktis gipfelte: Christiane Ritters Buch „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ sollte sich in der Bibliothek jedes Spitzbergen-Fans finden. Als wir auf Höhe der kleinen Hütte waren, ließ der Kapitän die Plancius ganz langsam fahren, damit wir Fotos machen konnten – das kleine Häuschen leuchtete im warmen Abendlicht.
Kaum hatte Sandra geendet, kam die nächste Überraschung: Das Expeditionsteam hatte ganz in der Nähe zwei Blauwale erspäht! Langsam und leise manövrierte der Kapitän unser Schiff näher an die Meeressäuger heran, die sich von unserer Anwesenheit überhaupt nicht beeindrucken ließen – sie tauchten sogar ganz nahe am Schiff auf. Im allerschönsten Licht und bei spiegelglatter See bekamen wir jede Menge Gelegenheit, Fotos von den Walen zu machen und ihre Größe zu bestaunen.

Im Packeis nördlich von Spitzbergen
  • Date: 03.08.2015
  • Position: 80°53.6’N / 018°38.7’E
  • Wind: E 4
  • Weather: wolkenlos.
  • Air Temperature: +6°C

Nach dem aufregenden und langen Tag gestern wäre es prinzipiell ganz nett gewesen, ein bisschen ausschlafen zu können, doch pünktlich zum Weckruf sichteten wir zwei Finnwale an der Packeiskante. Nach den Blauwalen am Abend zuvor konnten wir nun also die zweitgrößten Meeressäuger der Welt beobachten. Ein Finnwal zeigte sich sogar direkt vor dem Bug der Plancius. Was für ein Start in den Tag!
Anschließend schob sich die Plancius durch das Packeis. Das Knacken und Knirschen des Eises, das sich an unserem Schiff rieb, war respektgebietend und eindrücklich zugleich. Zudem hofften wir natürlich alle, unseren ersten Eisbären im Packeis zu erspähen. Außer Bart- und Ringelrobben jedoch zeigten sich über den Morgen keine weiteren marinen Säugetiere. Aber die Seevögel waren faszinierend zu beobachten: Eissturmvögel und Dreizehenmöwen zogen ihre Kreise um uns, während kleptoparasitäre Schmarotzer- und Spatelraubmöwen sie attackierten. Die scheinbar endlose Weite des eisigen Ozeans ließ die Gedanken in die Ferne schweifen.
Nach vielen Stunden angestrengten Spähens durchs Fernglas brach dann plötzlich Euphorie aus: ein stattlicher männlicher Eisbär auf dem Packeis! Er ließ sich von uns überhaupt nicht stören, denn er hatte weit Wichtigeres zu tun: Er tat sich an einem Robbenkadaver gütlich. Die Robbe war wahrscheinlich vor kurzem von ihm erlegt worden, denn der Bär trug eine ordentliche Wampe und wirkte bereits reichlich satt. Er schaute mehrfach in unseren Richtung, ließ sich aber überhaupt nicht stören. So verließen wir den König der Arktis nach einer Weile und fuhren weiter durch das Eis in Richtung der Sjuøyane („Sieben Inseln“).
Nachmittags gaben sich dann die Besucher auf der Brücke die Klinke in die Hand, denn alle hofften, noch einen Bären zu erspähen. So bald jedoch ließ sich kein gelber Fleck mehr auf dem Eis ausmachen. Trotzdem war die Szenerie natürlich fantastisch. Die Lichtspiele im Eis und der Ausblick auf die fernen „Sieben Inseln“ waren eindrücklich. Und pünktlich zum eigentlich geplanten abendlichen Recap wurde dann unser zweiter Eisbär des Tages gesichtet. Der Bär lag ziemlich entspannt auf der Scholle – Faulenzen kann man lernen von den Bärchen. Offensichtlich war die Plancius auch diesem Bären reichlich egal, und nach einer Weile intensiven Fotografierens und Beobachtens ließen wir ihn in seinem Habitat wieder allein und fuhren weiter.
Das Licht war magisch schön, und viele blieben noch lange draußen und genossen die Stimmung, manche bis zur Mitternachtssonne.

Alkefjellet & Faksevågen
  • Date: 04.08.2015
  • Position: 79°41.5’N / 018°16.6’E
  • Wind: SE 5
  • Weather: bedeckt
  • Air Temperature: +4°C

Wir erwachten bei irritierenden Wetterverhältnissen: Eintöniges Grau umgab die Plancius. Nach drei Tagen voller Sonne sollte ausgerechnet heute unsere Glückssträhne enden – heute, da wir am Lummenfelsen Alkefjellet eine Schlauchboot-Ausfahrt machen wollten? Als wir nach dem Frühstück in die Zodiacs stiegen, war die Welt noch immer vorwiegend monochrom. Unseren Cruise begannen wir am Wasserfall, der das südliche Ende der Vogelkolonie markiert. So konnten wir mit dem Wind fahren. Lummen, Lummen, Lummen – die Luft war voller Vögel. Wohin wir auch blickten, überall tauchten die schwarzweißen Gesellen auf. Mit geschätzt mehr als 60.000 Brutpaaren von Dickschnabellummen ist die Kolonie unüberschaubar, und in den ersten Minuten staunten wir einfach nur über die schiere Dimension. Dann waren wir in der Lage, Details zu erkennen: die Eismöwen auf ihren Aussichtspunkten zwischen den Lummen, immer auf der Suche nach einem verlassenen Ei oder einem einsamen Jungtier – eine hatte sich blitzschnell ein Küken geschnappt, als die Eltern einen Moment unaufmerksam waren, und binnen Sekunden verschluckt. Die geladenen Hintern der Lummen, die unsere Zodiacs und manchmal sogar unsere Kleidung mit bunten Punkten verzierten. Das Gezeter, wenn sich wieder zwei der Vögel wegen irgendetwas stritten. Die Küken, ein bisschen kleiner, als sie sein sollten für Anfang August. Beschützt von ihren Eltern, eng an die Felswand geschmiegt, bleiben sie in der Kolonie, bis sie groß genug sind, um ins Wasser zu springen.
Und dann kam die Sonne. Ihre warmen Strahlen kitzelten unsere Gesichter, während wir einen Eisfuchs beobachteten, der unterhalb der Vogelfelsen auf Nahrungssuche war. Vielleicht findet sich ja irgendwo ein Ei, ein Jungtier, eine verletzte Lumme, gerade richtig fürs Mittagsmahl?
Am Nachmittag fanden wir uns bei Faksevågen wieder. Hier gibt es üppige Tundra auf basaltischen und Kalksteinbergen – eine wunderbare Wandergegend. Die Ausdauerndsten erklommen den Aussichtspunkt ganz im Osten der Bucht, wo ein unübersehbarer Findling hoch oben auf dem Bergrücken das Ziel markiert. Die mittlere Wandergruppe gewann ebenfalls einiges an Höhe und legte einige Minuten arktischer Stille ein, die sich beinahe zu einer Viertelstunde auswuchsen, weil alle so in die Betrachtung der Landschaft versunken waren. Es war aber auch ein herrlicher Anblick: die Berge auf der anderen Seite des Lomfjords, von der Sonne beschienen, das gebänderte Gestein gegenüber, das milchige Grün des Fjordwassers mit dem kleinen Schiff mittendrin … Auf dem Weiterweg schlich sich die Gruppe an eine Rentiermutter mit ihrem Kalb an und konnte dabei schon einmal vorbildlich üben, was bei den Walrossen eine wichtige Rolle spielen wird: eine Linie bilden, mit den Guides zusammen langsam vorrücken, Stille. Näher und näher kamen wir, bis es den Rentieren dann doch unheimlich wurde und sie ein Stück davonliefen, um anschließend wieder weiterzugrasen. Da – ein Schneehuhn! Ach nein, doch nur eine Schmarotzerraubmöwe.
Nach der abendlichen Zusammenfassung und dem Ausblick auf den morgigen Tag erwartete uns an Bord der Plancius ein ganz besonderes Abendessen: Barbeque an Deck! Karibische Musik, Gegrilltes, Glühwein, was will man mehr? Bei allerschönstem Spätsommersonnenschein schmausten, lachten und tanzten wir, bis die Sonne unterging – ach nein, das war hier ja anders. Egal, jedenfalls war es spät, als wir endlich in unsere Kojen fielen …

Nordaustland: Palanderbukta & Svartberget
  • Date: 05.08.2015
  • Position: 79°35.4’N / 020°36.3’E
  • Wind: SE 4
  • Weather: bedeckt
  • Air Temperature: +6°C

Wir erwachten in einer anderen Welt: in der Polarwüste von Nordaustland. Über den erdfarbenen Bergen mit ihren weichen, von Gletschern geschliffenen Formen spannte sich der Himmel in allen Grautönen. Der Tag war erst wenige Stunden alt, doch unser Programm hatte schon seine erste Änderung erfahren: Eigentlich wollten wir hier an Land gehen, aber die Mannschaft hatte in der Nacht einen Eisbären an der Landestelle entdeckt. Bis zum Morgen hatte sich der Bär zwar wieder verdrückt, aber da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass er noch in der Gegend war, zauberte das Expeditionsteam einen „Plan B“ aus dem Ärmel: Während wir beim Frühstück saßen, fuhr die Plancius auf die Südseite der Palanderbukta, und wir gingen auf der Scaniahalvøya beim Palanderdalen an Land. Eine kleine windschiefe Hütte markierte die Stelle, und das Empfangskomitee kam umgehend vorbeigeschwommen: Einige Walrosse zeigten sich sehr interessiert an den Besuchern und tauchten nahe am Ufer auf, um uns in Augenschein zu nehmen.
Als sie weitergezogen waren, teilten wir uns erneut in die bewährten drei Gruppen auf. Auf der langen Wanderung konnte man sich diesmal richtig die Beine vertreten – das Gelände war wunderbar zu laufen, die Wege jedoch waren weit. Stetig gewannen die „Bergziegen“ an Höhe und blickten schließlich weit über die beeindruckend karge und weite Landschaft. Wer geglaubt hatte, dass in der Polarwüste so gar nichts wächst, stolperte ständig über Beweise des Gegenteils – zum Beispiel gab es regelrechte Gärten voller Spitzbergen-Mohn, Faden-Steinbrech und Felsenblümchen. Die mittlere Wandergruppe schnupperte ebenfalls Höhenluft, und die Strandwanderer bekamen am Ufer das volle Programm geboten: Erst besuchten sie die Hütte, wurden von dieser aber durch ein vorbeischwimmendes Walross abgelenkt, das schließlich bis auf wenige Meter herankam. Als alle noch von dieser Begegnung schwärmten, entdeckte ein aufmerksamer Fotograf eine herannahende Gruppe Belugas. Die Weißwale zogen in Ufernähe fotogen vor der Plancius vorbei. Nach dem Spaziergang hinauf auf das erste Plateau konnten die Strandwanderer nicht nur die Aussicht genießen, sondern auch den Blick auf eine zweite Gruppe Belugas – besser hätte man es nicht planen können!
Als alle wieder zurück an Bord waren, setzte sich das Schiff in Richtung unseres nächsten Ziels in Bewegung. Auf dem Weg hinaus aus der Palanderbukta und hinein in die Hinlopenstraße stießen wir auf immer mehr Eis. Langsam steuerte der Kapitän die Plancius durch das Labyrinth aus Eisschollen und Eisbergen. Dreizehenmöwen versuchten, Fische zu erhaschen, und sogar eine Elfenbeinmöwe wurde gesichtet. Südlich des markanten Svartberget entdeckte das Team Walrosse an Land – und zwar eine ganze Gruppe! Inmitten der Eismassen sah die Stelle vielversprechend aus für eine Anlandung. So wurde etwa die Hälfte von uns in einer ersten Gruppe per Zodiac an Land gebracht, und dann näherten wir uns langsam, Schritt für Schritt, den charismatischen Kolossen, die eng aneinandergekuschelt im Kies lagen. Nachdem uns Philipp bis auf etwas mehr als 30 Meter an die Gruppe herangeführt hatte, konnten wir nach Herzenslust beobachten und fotografieren, womit Walrosse ihre Freizeit verbringen: mit Schlafen, Rülpsen, Furzen, Prusten, Kratzen und kleineren Streitigkeiten um die besten Plätze – es war ein grandioses Schauspiel. Die Eiswelt um uns herum bildete die perfekte Kulisse. Während wir die Tiere beobachteten, zog Nebel auf und verlieh dem Ganzen einen mystischen Touch. Anschließend war die zweite Hälfte der Passagiere mit ihrer Walross-Tour an der Reihe, und auch ihnen boten sich wunderbare Einblicke in das Leben und die Neugier der arktischen Charakterköpfe.
Während des Abendessens fuhren wir weiter, immer tiefer in die Hinlopenstraße hinein. Immer wieder stießen wir auf Ansammlungen von Eis, und nach wie vor hing der Nebel direkt über dem Wasser – ein großer Unterschied zu den vorangegangenen Tagen, die uns mit Sonnenschein geradezu verwöhnt hatten.

Auf See im Südosten Spitzbergens
  • Date: 06.08.2015
  • Position: 78°10.6’N / 026°30.9’E
  • Wind: S 3
  • Weather: bedeckt
  • Air Temperature: +2°C

Auf dem Weg von Nordaustland nach Südwesten in Richtung Hornsund hatten wir einen Seetag vor uns. Am Morgen war es neblig, und es gab draußen vorerst wenig zu sehen – die beste Gelegenheit für Vorträge! Zunächst informierte uns Fritz über Eisbären. Kennzeichen, Lebensweise, Verhalten und Fortpflanzung des größten Landraubtiers wurden ausführlich beleuchtet. Offen blieb dabei die Frage nach der Zukunft des Eisbären. Wird er trotz Klimawandel überleben?
Etwa eine Stunde später berichtete Christian über die Abenteuer des norwegischen Polarfahrers Hjalmar Johansen (1867-1913), der durch seine Teilnahme an Nord- und Südpolexpeditionen an der Seite von Fridtjof Nansen und Roald Amundsen bekannt wurde und der schließlich ein tragisches Ende nahm. Pünktlich zum Mittagessen wurden wir von einer etwa 50-köpfigen Buckelwalherde überrascht. Die Tiere hielten sich über eine Stunde lang rund um das Schiff auf, wo wir sie bei der Jagd auf Krill aus nächster Nähe beobachten konnten. Mäuler, Rückenflossen und Fluken waren zuhauf zu sehen. Die Kameras klickten unaufhörlich – was für ein Schauspiel!
Am Nachmittag brachte uns Michael in seinem Vortrag die Biologie der Walrosse näher. Er berichtete über faszinierende Anpassungsmechanismen dieser Tiere an die polare marine Umwelt. Währenddessen zog erneut Nebel auf. Wir nutzten die Zeit für einen vierten Vortrag, in dem Sandra uns in die Welt der Fotografie entführte und wertvolle Tipps für bessere Bilder gab. Diese waren noch nicht richtig verdaut, da tauchten erneut Buckelwale vor dem Schiff auf – wieder eine Gelegenheit für wunderbare Bilder.
Am Abend behandelten wir in unserer ausführlichen Tagesrückschau neben weiteren Themen noch einmal die Buckelwale. Nach der Programmvorschau ließen wir uns das Abendessen schmecken.
Gegen 21 Uhr berichtete Ben schließlich noch aus dem Leben eines Wissenschaftlers im Forscherdorf Ny-Ålesund. Anhand eigener Erfahrungen und vieler Bilder schilderte er lebendig den Arbeitsalltag der Forscher – ein kurzweiliges Vergnügen! Zum Abschluss dieses außergewöhnlichen Seetages kam sogar noch einmal die Sonne hinter den Wolken vor und spendierte bei glatter See magisches Licht.

Hornsund & Bellsund: Midterhuken
  • Date: 07.08.2015
  • Position: 76°47.0’N / 015°13.6’E
  • Wind: fast windstill
  • Weather: Nebel
  • Air Temperature: +8°C

Ein Expeditionschiff fährt immer, aber wohin, das ist die Frage: Wir frühstückten heute inmitten treibender Eisschollen, und je tiefer sich die Plancius in Richtung Hornsund und in das Fjordsystem vorarbeitete, umso dichter wurde der Eisteppich. Das war so nicht ausgemacht – schließlich hatten wir das Eis doch am Vortag hinter uns gelassen (dachten wir). Doch die Arktis überraschte uns einmal mehr. Offenbar war das Eis um das Sørkapp herum nach Norden gedriftet und füllte nun den Hornsund, in dem wir eigentlich unseren Tag verbringen wollten. Riesige Eisschollen und Nebel – die Stimmung war fantastisch. Allerdings machten es die Bedingungen unmöglich, an Land zu gehen; weder „Plan A“ noch „Plan B“ wollten funktionieren, auch wenn die Programm-Updates immer schon geschrieben waren und aushingen.
„Plan C“ lautete dann: Kurs Nord! Kapitän und Expeditionsleiter entschieden, dass es besser wäre, in Richtung Bellsund zu fahren, und so arbeitete sich die Plancius noch einmal durchs Eis, aus dem Hornsund wieder hinaus. Während wir noch die wunderschöne Aussicht genossen, servierte das Team kurz nach dem Mittagessen heiße Schokolade mit Kahlua auf dem Außendeck hinter der Brücke und versüßte uns die Fahrt, und mit den Eisschollen rund ums Schiff und der Küste von Spitzbergen am Horizont waren es ganz spezielle Momente, die uns an diesem außergewöhnlichen Tag erwarteten. Ab und zu schaffte es sogar die Sonne, den Nebel zu durchdringen, aber meist bestand die Farbpalette heute aus einer wundervollen Sammlung an Grautönen – wieder etwas ganz anderes als in den vergangenen Tagen!
Am Nachmittag lauschten wir Fritz, der in seinem Vortrag über Umweltschutz in der Arktis sprach. Anschließend las Sandra aus Arthur Conan Doyles „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ – der Schöpfer von Sherlock Holmes war als junger Mann eine Saison als Walfänger in der Arktis unterwegs gewesen. Sein Tagebuch gibt ungeschminkt und pointiert Auskunft über den Alltag auf einem Walfangschiff.
Bislang hatte jeder Expeditionstag etwas Neues für uns bereitgehalten, und der heutige Tag machte keine Ausnahme: Das Expeditionsteam hatte eine Anlandung nach dem Abendessen vorgesehen. Das Dinner wurde also kurzerhand vorverlegt, und um 20.00 Uhr standen wir abfahrbereit an der Gangway, um bei Midterhuken an Land zu gehen. Sensationell grüne und wunderbar weiche Tundra erwartete uns, und in den gewohnten drei Gruppen schwärmten wir zu ihrer Erkundung aus: die „Bergziegen“ sehr steil hinauf auf einen Sattel, wobei sie einen Blaufuchs und Papageitaucher beobachten konnten; die mittlere Gruppe wanderte etwas gemäßigter zu einem Aussichtspunkt, und die „Strandpiraten“ entdeckten prächtige Gärten voller Moor-Steinbrech, spazierten durch Steinlabyrinthe in den Uferfelsen und genossen den Ausblick auf die Gletscher am Fjordende. Wir mochten uns von dieser wunderbaren Landschaft gar nicht trennen, und es bedurfte mehr als einer Aufforderung, bis wir uns wieder auf den Rückweg zur Landestelle machten …

Isfjorden: Wahlenbergbreen & Gipsvika
  • Date: 08.08.2015
  • Position: 78°30.1’N / 014°30.2’E
  • Wind: SE 2
  • Weather: bedeckt
  • Air Temperature: +8°C

Über Nacht hatte die Plancius den Isfjorden erreicht, und nach dem Frühstück stiegen wir in die Schlauchboote, um die Eislandschaft um den Wahlenbergbreen näher kennen zu lernen. Anfangs waren wir ob des eher grauen Wetters und kontrastarmen Lichts etwas skeptisch, doch gegen Ende unserer Zodiacausfahrt strahlte abermals die Sonne auf die massive und eindrückliche Gletscherfront. Welch ein Wetterglück wir doch auf dieser Reise gehabt haben!
Wir fuhren zuerst an kleineren und größeren Eisbergen durch das „brash ice“ auf der Südseite des Gletschers und bestaunten die fantasievollen Eisformen; eine schöner und eleganter als die andere. Gesichtet wurden auch mehrere Ringel- und Bartrobben im Wasser und auf den Eisschollen. Eine tiefenentspannte Bartrobbe ließ sich dabei von den Zodiacs aus sogar aus allernächster Nähe betrachten.
Als wir näher an die Gletscherfront herankamen, konnten wir mehrere kapitale Eiskalbungen bestaunen, und zahlreiche größere Eisberge in der Bucht zeugten von reger Aktivität. Gewaltige Wellen türmten sich entlang des Ufers auf, als eine noch größere Kalbung uns restlos in den Bann zog! Der relativ kleine Wahlenbergbreen durchlebt gerade einen massiven Massenausgleich (in der Glaziologen-Fachsprache „surgt“ er also) und ist deswegen so überaus aktiv!
Nach der Mittagspause ging es dann Richtung Gipsdalen. Hier probierten wir bei der letzten Landung der Reise etwas Neues aus: Die Guides bildeten einen Korridor, in dem wir frei herumspazieren konnten. Auf diese Art war es uns allen möglich, persönlich – und wenn gewünscht, lautlos – von Spitzbergen Abschied zu nehmen, in grüner Tundra und inmitten der fantastischen Szenerie der umgebenenden Berge. Einige von uns wagten sogar den Sprung in die eisigen arktischen Fluten!
Der letzte Abend wartete, und wir stießen mit dem Kapitän auf die rundum gelungene Reise an. Nach dem Nachtessen lud die abendliche Fahrt der Plancius zum Rekapitulieren der vergangen zehn Tage ein, entweder alleine draußen an Deck oder gemeinsam in der Bar. Im traumhaften Licht des Tempelfjorden ging es entlang des Tunabreens. Etwas Sehnsucht bleibt nach solchen Abenteuern und Erlebnissen immer zurück …

Zurück in Longyearbyen
  • Date: 09.08.2015
  • Position: 78°13.7’N / 015°36.1’E

Nach einer kurzen Nacht – zumindest für diejenigen, die schon am Morgen zum Flughafen mussten – begann der Tag zeitig. Um 05.00 Uhr ertönte der erste Weckruf, diesmal besonders sanft – wir werden die Ansagen von Philipp und Christian vermissen! Nach dem Frühstück, das das Plancius-Team trotz der frühen Stunde bereitgestellt hatte, war es Zeit, Abschied zu nehmen – von Spitzbergen, von der Plancius, vom Team, von neu gefundenen Freunden … Der für uns bereitgestellte Bus holte uns am Pier ab, und das kleine blaue Expeditionsschiff, das uns in den vergangenen Tagen ans Herz gewachsen war, blieb zurück.

Wir werden diese Reise und ihre vielen wunderbaren Momente, die herrlichen Erlebnisse und einzigartigen Eindrücke, die uns die Arktis geschenkt hat, noch lange in Erinnerung behalten und davon zehren, wenn wir zu Hause in Gedanken wieder nach Spitzbergen zurückkehren. Vielleicht ja auch in Wirklichkeit?


Vielen Dank für eine solch schöne Reise, mit Eurer Gesellschaft, Eurer guten Laune und Eurem Enthusiasmus. Wir würden uns freuen, Euch zukünftig wieder an Bord begrüßen zu dürfen – wo auch immer das sein mag!

Auf unserer Reise zurückgelegte Strecke:
1.294 Seemeilen / 2.396 Kilometer

Nördlichste erreichte Position:
81°11.1’N / 019°08.0’E

Im Namen von Oceanwide Expeditions, Kapitän Evgeny Levakov, Expeditionsleiter philipp Schaudy, Hotelmanager André van der Haak sowie des gesamten Teams: Es war uns ein Vergnügen, mit Euch unterwegs zu sein! Kommt gut nach Hause und genießt noch lange die Bilder aus der Arktis und die Erinnerungen an eine ganz besondere Reise nach Spitzbergen.

  • Date: 29.07.2017

Ship info

Cabin

m/v Plancius

The ice-strengthened vessel Plancius is an ideal vessel for polar expedition cruises in the Arctic and Antarctic.

Full ship info

Details

Tripcode:PLA11-15

Dates:31 Jul – 9 Aug, 2015

Duration:9 nights

Ship:m/v Plancius

Embark:Longyearbyen

Disembark:Longyearbyen

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