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Logbuch

Einschiffung in Longyearbyen
  • Datum: 26.07.2016
  • Position: 78° 13.7’ N / 015° 36.2’ E
  • Wind: NW 3
  • Lufttemperatur: +11°C

Der große Tag war gekommen – Longyearbyen, die Grenze der Zivilisation! Mancher hatte schon einen oder zwei Tage hier verbracht, andere waren gerade erst angekommen oder hatten einen kurzen Spaziergang durch den Ort gemacht. Jedenfalls ging es am Nachmittag zum Pier, und wir nahmen unser Schiff zum ersten Mal in Augenschein. Für alle begann nun eine einzigartige Reise, und selbst bei unseren „Arktisprofis“ konnte man die Aufregung spüren.
Das Wetter war hochsommerlich begeisternd: Sonnenschein und blauer Himmel versüßten uns die Vorfreude. Um 16 Uhr ging es auf die MS Ortelius, um unsere Zimmer und damit unser Zuhause für die nächsten Tage zu beziehen. Das Gepäck wurde durch die Besatzung direkt zur Kabine gebracht, und nach einer kurzen Erkundungstour trafen wir uns zu den notwendigen und verpflichtenden Einweisungen in die Sicherheit und die Einzelheiten des Schiffs.
Im Anschluss daran fand die obligatorische Rettungsübung statt, bei der wir lernten, was wir im Falle einer Evakuierung machen müssten. Dazu wurde der Schiffsalarm ausgelöst. Daraufhin mussten wir uns warm anziehen, unsere Rettungsweste aus der Kabine mitnehmen und zur Sammelstelle in die Bar kommen. Nach der Kontrolle, dass auch wirklich alle Passagiere anwesend waren, ging es zu den Rettungsbooten – ein Tausendfüßler mit orangefarbenen Ret-tungswesten. Nun stand unserem Abenteuer nichts mehr im Wege! Wir liefen aus Longyearbyen aus, um zunächst den Isfjord (zu deutsch: Eisfjord) entlang nach Westen zu fahren. Viele von uns fanden sich auf den Außendecks ein, um das fantastische Wetter und die herrliche Aussicht zu genießen.
Vor dem Abendessen gab es einen Begrüßungscocktail, und wir lernten den Kapitän und unser Expeditionsteam kennen. Nach dem Essen genossen wir es, auf den Außendecks unsere erste arktisch helle Nacht einzuleiten.

14.-Juli-Bucht & Ny-Ålesund
  • Datum: 27.07.2016
  • Position: 79° 07.5’ N / 011° 49.4’ E
  • Wind: WNW 2
  • Lufttemperatur: +8°C

Nach einer ruhigen Nacht auf See – unsere Route hatte uns aus dem Isfjorden hinaus und um Prins Karls Forland herum geführt – erreichten wir am Morgen die Mündung von Krossfjorden und Kongsfjorden. Die Ortelius ging in einer kleinen Bucht vor Anker, die zum Gedenken an den Sturm auf die Bastille den Namen „Bucht des 14. Juli“ trägt (Fjørtende Julibukta).

Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, und während die erste Gruppe sich auf einen Landgang begab, unternahm die zweite eine Schlauchboot-Rundfahrt zur Gletscherfront. Nach etwa einer Stunde wurde gewechselt. Es gab allerhand zu sehen: In den Klippen nisten unzählige Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen. Auch Papageientaucher und Eismöwen finden hier ihr Plätzchen. Dank des Guano gedeiht unterhalb der Klippen eine reiche arktische Vegetation. Von den Booten aus konnten wir einige Rentiere beobachten, und an Land dienten uns ein Rentierkadaver und ein großes Geweih als Anschauungsmaterial, um mehr über die Besonderheiten des Spitzbergen-Rentiers zu erfahren.
Das leuchtend blaue Gletschereis zog alle in seinen Bann; ab und an brachen kleine Stücke von der breiten Front ab. Dreizehenmöwen hatten es sich auf zwei kleinen Eisbergen gemütlich gemacht und boten sich als fantastisches Fotomotiv an. Aus sicherer Entfernung ließ sich die Kalbungsaktivität bestens beobachten.
Über Mittag brachte uns die Ortelius in den Kongsfjorden, und nach dem Mittagessen begaben wir uns erneut in die Schlauchboote, um in Ny-Ålesund zu landen. Die ehemalige Kohlesiedlung wird seit einem Minenunglück ausschließlich als Wissenschaftsdorf. Der ehemalige Betreiber des Kohlebergwerks, die Kingsbay Company, sorgt nun für Infrastruktur und Dienstleistungen im Zeichen der Wissenschaft. Viele Länder betreiben in Ny-Ålesund ihre nördlichste Forschungsstation, die ganzjährig besetzt ist (darunter Deutschland, Frankreich, Korea, China, Indien, die Niederlande und Norwegen). Außer ökologischen Studien wird auch im Bereich Glaziologie geforscht, die Atmosphäre erkundet und mit Satellitenmessungen gearbeitet.
Zur großen Freude aller Besucher bietet Ny-Ålesund einen gut sortierten Souvenirshop und das nördlichste Postamt der Welt. So verbrachte unsere Reisegruppe einige Zeit mit dem Schreiben von Postkarten und dem Kauf von Mitbringseln, bevor sie sich auf einen Rundgang durch die Siedlung aufmachte. Frigga und Arjen nahmen jeweils eine Gruppe mit zum Zeppelinmast, an dem sie von Roald Amundsens wagemutigem Nordpolflug erzählten, den Nobile im folgenden Jahr vergeblich zu wiederholen versuchte – Nobiles Absturz führte zur größten Rettungsmission in der Nordpolargeschichte.
Zurück auf der Ortelius trafen wir uns in der Bar zu einem kurzen Recap: Stefanie gab eine kurze Einführung zu Gletschern (und nutzte den 14.-Juli-Gletscher als Beispiel). Frigga stellte uns den Zusammenhang zwischen der Tundra und ihren Bewohnern vor, und Michael rief uns abschließend noch einmal in Erinnerung, weshalb die Guides Gewehre tragen und wie wichtig es für unser aller Sicherheit ist, dass sich alle an die Anweisungen und Regeln halten.

Wir ließen den Tag mit einem ausgiebigem Abendessen ausklingen und nahmen Kurs auf den Liefdefjorden.

Liefdefjord: Andøyane, Idabukta & Monacobreen
  • Datum: 28.07.2016
  • Position: 79° 41.1’ N / 013° 23.6’ E
  • Wind: WSW 4
  • Lufttemperatur: +10°C

Wir erwachten in der Einfahrt zum Liefdefjord (Liebesfjord). An unserer Steuerbordseite lag die flache Reinsdyrflya, und wir erspähten die ersten rundlicheren Berge aus dem berühmten Old Red, dem roten Sandstein. Weiße Federwolken standen am Himmel. Nach dem Frühstück machten wir uns in den Schlauchbooten auf den Weg, um die Andøyane (Enteninseln) zu erkunden. Diese Inselgruppe erwies sich als weitläufiger als gedacht. Wir spähten in die Buchten und Lagunen, entdeckten Kurzschnabelgänse und Raubmöwen, Eismöwen und die eine oder andere Robbe. Ein Sterntaucher zog über uns hinweg, und unterwegs fanden sich fotogene kleine Eisberge, die uns mit ihren Formen begeisterten. Einige von uns bekamen sogar eine Klappmütze zu Gesicht, eine selten zu beobachtende Robbenart!

Nach unserer Rückkehr an Bord fuhr die Ortelius tiefer in den Fjord hinein. Das Expeditionsteam hatte sich für eine Anlandung in der Idabukta entschieden, und schon bald war das Scout-Zodiac mit den Guides unterwegs, um die Landestelle auszukundschaften. Die Szenerie erwies sich als so spektakulär wie angekündigt: Hatte man einen kleinen Tundrarücken erklommen, bot sich ein fantastischer Blick auf die Gletscherfront des Monacobreen, gesäumt von dunklen, spitzen Bergen. Wir teilten uns in drei Gruppen auf, und die „langen Wanderer“ setzten sich in Richtung Seitenmoräne in Bewegung. Der Aufstieg auf die Moräne erwies sich als kleines Hindernis, aber anschließend war der Pfad gut zu begehen, auch wenn das lose Gestein und Geröll Aufmerksamkeit forderte. Je höher wir kamen, umso besser wurde die Aussicht auf den Idabreen, der uns mit ein, zwei kleinen Abbrüchen begeisterte. Auch ein Teil der mittleren Wandergruppe erklomm den höchsten Punkt, während sich die Fotografen mit Blümchen – Stängelloses Leimkraut, Steinbrecharten und Silberwurz waren hie und da noch in Blüte zu entdecken – und Details in der Tundra sowie mit dem am Strand angespülten Eis beschäftigte. Anschließend erwartete uns an der Landestelle wieder unser Zodiac-Taxi zurück zum Schiff.

Die Ortelius setzte sich in Richtung Monacobreen in Bewegung, und bei Windstille und bedecktem Himmel, der die Blautöne im Eis gut zur Geltung brachte, bestaunten wir die breite Gletscherfront. Dann machten wir uns auf den Weg aus dem Liefdefjord hinaus, voller ganz unterschiedlicher Eindrücke von einem abwechslungsreichen Tag – und dieser war noch nicht vorbei: Um 22.45 Uhr erreichten wir den 80. Breitengrad, und aus gebührender Entfernung warfen wir einen Blick auf die am Strand ruhenden Walrosse der Insel Moffen. Während wir in unseren Kojen lagen und uns neuen Abenteuern entgegenträumten, strebte die Ortelius in Richtung Phippsøya, einer der Sjuyøyane (Siebeninseln) nördlich von Nordaustlandet.

Phippsøya (Siebeninseln) und der Weg ins Eis
  • Datum: 29.07.2016
  • Position: 80° 40.9’ N / 020° 44.5’ E
  • Wind: NNW 4
  • Lufttemperatur: +3°C

Als wir aufwachten, befanden wir uns bei den nördlichsten Inseln der gesamten Inselgruppe, eigentlich sogar bei den nördlichsten Inseln ganz Europas: den Siebeninseln (Sjuøyane). Die sieben kleinen Inseln sind sehr abgelegen und haben ein Polarwüsten-Klima. Kaum eine Vegetation kann hier wachsen, Tierleben ist selten. Wir gingen auf der größten der sieben Inseln an Land: Phippsøya.

Als wir ankamen, waren die meisten von uns schockiert von all dem Müll, den wir am Strand fanden; wir begannen, ihn aufzusammeln. Der Golfstrom aus Europa hat den Abfall hier in den Norden gebracht und ihn an Land angespült. Der gesammelte Müll wurde auf die Ortelius gebracht und wird entweder dort oder auf dem Festland entsorgt.

An Land teilten wir uns in vier Gruppen auf. Frigga nahm eine Gruppe mit auf eine Zodiac-Tour, und die anderen konnten über die Insel spazieren. Auf den Steinen fanden wir eine Vielzahl an Flechten. Der Höhepunkt der Anlandung war jedoch die Begegnung mit etwa 30 Walrossen, die am Strand lagen oder im Wasser schwammen. Es war eine Gruppe Weibchen mit Jungen, ein relativ neuer Anblick: Walrosse waren im frühen 20. Jahrhundert fast bis zum Aussterben gejagt worden und kommen erst jetzt wieder in größerer Zahl zurück – zuerst die Männchen (so wie die Herde, die wir auf Moffen sahen), nun auch die Weibchen mit ihren Jungtieren. Wir konnten sie gut beobachten, und einige von den Walrossen schwammen zu uns herüber, um uns ebenfalls genauer zu betrachten.

Über Mittag waren wir dann schon unterwegs nach Norden auf der Suche nach Eis. Am Nachmittag begann die Ortelius-Vortragsrunde mit Michael, der uns Hintergrundwissen über das Meereis vermittelte, ehe Frigga über die Besiedlungsgeschichte Spitzbergens sprach und Arjen von seiner Forschung an Weißwangengänsen berichtete.
Kurz vor dem Abendessen stießen wir auf größere Ansammlungen an Meereis, und die Suche nach Eisbären begann, den Königen der Arktis. Es erschien uns zwar anfangs sehr rätselhaft, wie man in all dem Weiß einen Eisbären ausfindig machen kann, doch bald sahen wir tatsächlich die ersten mayonnaisefarbenen Punkte – eine Mutter mit ihrem Jungtier. Obwohl das Junge nur etwa ein Jahr und acht Monate alt war (Eisbären haben um den Jahreswechsel Geburtstag), war es schon fast so groß wie seine Mutter. Wahrscheinlich wächst es zu einem stattlichen Männchen heran.

Es gab viel zu sehen im Meereis, und so positionierte der Kapitän das Schiff im Eis. Dies blieb auch unsere Position für die Nacht – und obwohl es zu schneien begann, bereitete das Restaurant-Team für uns ein wunderbares Grillfest auf dem Helikopterdeck. Die Abgehärteten unter uns genossen das Essen draußen, zwischen zwei Bären im stetigem Schneefall. Der erste Schneemann ließ nicht lange auf sich warten. Allerdings bevorzugten die meisten von uns die Bar als warmes, gemütliches Plätzchen für das Abendessen. Unser Barkeeper Rolando blieb bis spät in die Nacht beschäftigt, während wir im Meereis drifteten.

Im Eis nördlich von Spitzbergen
  • Datum: 30.07.2016
  • Position: 81° 19.7’ N / 020° 15.4’ E
  • Wind: NW 4
  • Lufttemperatur: +2°C

Heute würden wir den größten Teil des Tages im Meereis verbringen – aber am Morgen wussten wir eigentlich noch nicht so recht, wie wir uns die Suche nach Tierleben in dieser Umgebung vorzustellen hatten. Wie findet man einen weißen Eisbären im weißen Eis, wenn man sich zwar Mühe gibt, aber so etwas noch nie gemacht hat?! Daher waren wir sehr erleichtert, als das Expeditionsteam eine „Bärenwache“ einrichtete und unsere Guides uns abwechselnd bei der Suche halfen.

Der erste Bär des Tages ließ auch nicht lange auf sich warten. Er wurde als gelblicher Fleck am Horizont entdeckt, und die Ortelius bahnte sich langsam ihren Weg durch die Eisschollen, um allen Passagieren eine bessere Sicht zu gewähren. Oh, wie wünscht man sich in solchen Momenten ein besseres Fernglas!

Immer wieder verschoben weitere Bären das Vortragsprogramm, denn wer will schon Vorträge hören, wenn sich draußen die arktische Wirklichkeit abspielt? Uns boten sich junge Männchen, Weibchen, die die Geschlechtsreife noch nicht erreicht hatten, und Weibchen, die mit ihren Jungen ins Meereis gelangt waren und denen durch das reiche Nahrungsangebot hier das Überleben beinahe garantiert war. Entsprechend verspielt und „froh“ blickten die jungen Bären in unsere Kameras.

Am Nachmittag erreichten wir die nördlichste Position unserer Reise bei 81 Grad und 23 Minuten Nord – wer kann schon von sich sagen, so weit im Norden gewesen zu sein?

Mehrere Male ergab sich das Luxusproblem, dass wir nicht wussten, wo wir so schnell hingucken sollten: zum schlafenden Bären auf der 3-Uhr-Position vom Schiff, an dessen erlegter Robbe sich nun die seltenen Elfenbein- und Spatelraubmöwen labten? Zum wandernden Bären auf 7 Uhr? Zur neugierigen Robbe im Wasser neben uns? Oder doch zum abtauchenden Finnwal am Horizont?
Als sich das Schiff am Abend wieder gen Süden wandte, um unsere Umrundung der Insel Spitzbergen fortzusetzen, hatte jeder an Bord das Gefühl, im Meereis etwas Besonderes gesehen und erlebt zu haben.

Hinlopenstraße: Vibebukta & Bråsvellbreen
  • Datum: 31.07.2016
  • Position: 79° 35.1’ N / 018° 32.1’ E
  • Wind: NW 7
  • Lufttemperatur: +3°C

Nach einer Nacht mit Seegang erwartete uns ein nicht viel ruhigerer Morgen. Unser Ziel war der Vogelberg Alkjefellet, eine Klippe, auf deren Basalt-Emporen ca. 60.000 Paare von Dickschnabellummen brüten. Als wir die Klippe erreichten, blies der Wind mit 30 Knoten aus Nordnordwest, außerdem zogen Nebelschwaden um die steilen Wände. Schnell war klar, dass es zu gefährlich wäre, bei diesem Wetter mit den Zodiacs nah an die Felsen zu fahren. So genossen wir den etwas diesigen Anblick von der Ortelius aus, die vom nautischen Team entlang der Klippe navigiert wurde.

Bei diesen Windbedingungen kam unweigerlich Plan B ins Spiel, und wir fuhren in der Hinlopenstraße weiter in Richtung Süden. Doch auch auf der Wahlbergøya hatten wir kein Glück; für eine Landung waren Wind und Seegang zu stark. Aller guten Dinge sind drei: Plan C sah eine Landung in der Vibebukta vor, und als wir dort am Nachmittag ankamen, fanden wir tatsächlich sichere Bedingungen vor, auch wenn die Fahrt zum Strand epische 15 Minuten dauerte. Nordaustlandet besticht mit seiner charakteristischen Polarwüste auf Strandterrassen, die sich im Laufe der Jahrtausende aus dem Ozean gehoben haben. Direkt an der Landestelle fanden wir schon die ersten Fossilien, Zeitzeugen der letzten 300 Millionen Jahre.
Besonders auffallend waren die blühenden Oasen rund um kleine Tümpel – und Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alte Walknochen. Nach dem einige Fossilien zusammengetragen und bestimmt waren, starteten unsere drei üblichen Wandergruppen in Richtung Inlands.

Die Langstreckenwanderer erreichten sogar die erste hochgelegene Terrasse, nachdem sie einen schneebedeckten Hang erklommen hatten. Ein atemberaubender Ausblick über die Bucht, den Gletscher und die gewaltige Polarwüste waren der Lohn.

Die Mittelstreckenwandere folgten einem Fluss ins Inland und erkundeten die Walknochen und die Oasen, die sie bildeten. Ein genauerer Blick auf das faszinierend unterschiedliche und detailreiche Gestein bot Gelegenheit zu einer einmaligen geologischen Zeitreise.

Die Kurzstreckengruppe hatte bei allerschönstem Sonnenschein genug Zeit, sich sowohl mit den Fossilien und Gesteinen als auch mit den Vögeln in Strandnähe zu beschäftigen und die schier grenzenlose Weite der Polarwüste zu genießen.
Die Rückfahrt zur Ortelius ging schneller vonstatten als die Hinfahrt, weil sich der Wind gelegt hatte. Als alle wieder an Bord waren, lichteten wir den Anker und fuhren hinüber zum Bråsvellbreen, der zur Gletscherkappe Austfonna gehört, die den größten Teil von Nordaustlandet bedeckt. Die 170 km lange Gletscherfront ist die längste der nördlichen Hemisphere bildet. Wer bisher noch nicht an Deck gekommen war, holte dies jetzt nach – zu eindrücklich war der Anblick. Kleine Eisstückchen schwammen im Wasser, und beeindruckende Wasserfälle hatten sich entlang der Gletscherkante gebildet. Die Sonne beleuchtete die Szenerie, und weiße Federwölkchen standen hoch über dem Eis. Es dauerte lange (sehr, sehr lange), bis sich die Letzten von diesem Anblick losreißen konnten – weil ihnen die Augen zufielen …

Edgeøya & Barentsøya
  • Datum: 01.08.2016
  • Position: 78° 05.2’ N / 020° 45.0’ E
  • Wind: leichte Brise
  • Lufttemperatur: +8°C

Die Frühaufsteher unter uns hatten heute noch einen Grund mehr, sich zeitig zu erheben: Troels hatte angekündigt, dass die Ortelius bereits am sehr frühen Morgen in den Freemansund einfahren würde, der die beiden Inseln Barentsøya und Edgeøya voneinander trennt. Entsprechend früh waren einige von uns an Deck – und wurden nicht enttäuscht: Bei der Durchfahrt wurden sage und schreibe 13 Bären gesichtet. Zeitweilig schienen die dunklen, steilen Hänge regelrecht übersät mit weißen Punkten!

Nach dem Frühstück machten wir uns dennoch zu einem Landgang bereit, und die Zodiacs brachten uns in Kapp Lee an den Strand. Eine Handvoll Walrosse lag faul im Sand, und ohne sie zu stören, teilten wir uns in unsere nun schon gewohnten Gruppen auf. Die Wanderer setzten sich in Richtung Inland in Bewegung, hatten wunderbare Begegnungen mit ebenso entspannten wie imposanten Rentieren und genossen an ihrem Aussichtspunkt hoch über einem Flussdelta einige Minuten echter arktischer Stille. Den krönenden Abschluss bildete der Aufenthalt bei den Walrossen, die sie mit einiger Aktivität erfreuten – Kratzen, Grunzen, Aufblicken, Gewichtsverlagerung auf der Suche nach einer bequemen Ruheposition …
Die Fotografen konnten sich nach Herzenslust an alten Knochen, an Flechten, Steinen, Blümchen und den Walrossen abarbeiten, und die mittlere Wandergruppe nahm sich einen alten Walknochen zum Ziel und spazierte dann weiter bis an die Küste.

Angesichts der Bären-Bonanza war die geplante Landung bei Sundneset keine Option mehr; bei der Annäherung fanden wir erneut weiße Punkte zuhauf, sogar eine Mutter mit kleinem Jungtier streifte hoch oben durch die steilen Hänge. Kurzentschlossen plante das Expeditionsteam um, und wir opferten unseren Mittagsschlaf für eine Schlauchbootausfahrt zu einer Handvoll Bären auf engstem Raum. Sie schienen in dem kargen Gestein nach Fressbarem zu suchen oder lagen schlicht energiesparend in der Landschaft. Wir bekamen einen guten Eindruck davon, welch gute Kletterer Eisbären sind, und fanden einen weiteren Bären oberhalb einer kleinen Vogelklippe. Er hatte es sich im Gras gemütlich gemacht und kaute auf irgendeiner Beute herum.

Nach unserer Rückkehr an Bord genossen wir Tee, Kaffee und den leckeren Kuchen in der Bar – oder eine heiße Dusche. Während die Ortelius ihren rund 170 Seemeilen (1 Seemeile = 1,852 Kilometer) langen Weg in den Hornsund auf der Westseite von Spitzbergen in Angriff nahm, lauschten wir in der Bar dem Recap des Expeditionsteams, das einmal mehr spannende Themen abdeckte: Arjen sprach über die Wanderung der zierlichen Küstenseeschwalbe, die in einem einzigen Jahr bis zu 90.000 km weit fliegt als Pendlerin zwischen den Polarregionen. Frits berichtete von seinen Forschungen am Quecksilbergehalt in der Luft, und schließlich musste auch noch geklärt werden, welche Gründe es für die Vielzahl an Eisbären im Freemansundet geben könnte. Zum einen ist der Sund Teil einer alten Eisbären-Migrationsroute, zum anderen befand sich an seinem östlichen Ende das letzte Eis der Saison. Außerdem sind Edgeøya und Barentsøya genauso wie Kong Karls Land weiter im Osten Regionen mit einer hohen Dichte an Schneehöhlen, in denen Eisbärinnen ihre Jungen zur Welt bringen.
Nach einem weiteren vorzüglichen Abendessen stellten unsere jungen chinesischen Mit-Passagiere die Themen ihrer Untersuchungen vor, die sie während der Tour durchgeführt hatten. Viele von ihnen sprachen zum ersten Mal vor internationalem Publikum, und die Präsentationen waren nicht nur interessant zu verfolgen, sondern wurden mitunter auch sehr humorvoll vorgetragen.

Eigentlich wäre es dann Zeit für die Koje gewesen, aber das wundervolle Licht über den Bergen an der Küste ließ zumindest die Fotografen (und auch manch anderen) so schnell nicht zur Ruhe kommen …

Hornsund: Burgerbukta & Gåshamna
  • Datum: 02.08.2016
  • Position: 77° 02.2’ N / 015° 57.2’ E
  • Wind: SO 1
  • Lufttemperatur: +10°C

Fantastische Gegend, fantastisches Wetter: Der Hornsund, der südlichste Fjord auf der Westseite Spitzbergens, erwartete uns mit strahlendem Sonnenschein. Schon lange vor dem Frühstück klickten die Kameras auf den Außendecks, und die meisten von uns hatten ein breites Lächeln im Gesicht, noch ehe der Tag richtig begonnen hatte. Am Vormittag unternahmen wir eine Zodiacfahrt in der Burgerbukta, und zwar in dessen östlichem Arm. Schon vom Schiff aus konnten wir das Gletschereis in Austre Burgerbukta schwimmen sehen. Kaum Wind, jede Menge Sonne, sehr milde Temperaturen und mindestens tausend Motive machten die Ausfahrt zu einer kurzweiligen und überaus angenehmen Angelegenheit. Der Gletscher und die hohen Berge zu beiden Seiten des Fjords lieferten den spektakulären Hintergrund unter blauem Himmel.
Das Wasser war voll mit kleinen Eisstückchen und Eisblöcken, die immerzu knisterten und knackten – es war, als ob die platzenden Lufteinschlüsse im Eis etwas erzählten. Gletschereis wird durch Schnee gebildet, später unter der Last nachfolgender Schneemassen zu Firn zusammengedrückt und nach und nach zu immer festerem Eis geformt. Das älteste Eis ist hierbei das härteste Eis. Während dieses Prozesses kann die meiste Luft entweichen, aber einiges verbleibt gefangen und komprimiert im Eis – und diese Luftblasen knacken, wenn sie sich beim Schmelzen des Eises ausdehnen und ihren eisigen Käfig sprengen.

Die Gletscherfront war ziemlich aktiv; mehrere kleinere Abbrüche ereigneten sich während unseres Besuchs. Einige größere Eisberge in der Bucht waren der Beweis für größere Kalbungen. Auf den Eisschollen wurden einige Bartrobben gesichtet.
Nach dem Mittagessen führte der Kapitän die Ortelius tiefer in den Hornsund. Auf halber Strecke fuhren wir gen Süden in den Fjord Samarinvågen. Nahe der Gletscherfront wurden zwei Wale gesichtet, einer davon ein Buckelwal, die sich vermutlich am planktonreichen Gemisch aus Salzwasser und Süßwasser unmittelbar vor der Gletscherfront labten.

Die Nachmittagslandung war in Gashamna. In dieser Schwemmebene im verzweigten Flusssystem standen im 17. Jahrhundert zwei englische Walfangstationen. Das meiste der verbliebenen Archälogie hat der Fluss schon weggespült, aber man kann heute immer noch einige Tranöfen erkennen. Auf einem der Öfen bauten die Norweger später eine Jagdhütte und verwendeten für ihre Konstruktion unter anderem den Schädel eines Grönlandwals. Noch immer ist die unmittelbare Umgebung der Stationen weitaus grüner als weiter entfernte Flächen, weil mit dem Walfett zusätzliche Nährstoffe in den Boden gelangten. Von der historischen Stelle aus unternahmen wir eine kleine Wanderung nach Westen in Richtung eine kleinen Landzunge, wo sich Überreste von Siedlungen der Pomoren befinden. Als wir dort ankamen, war bereits dichter Nebel in die Bucht gezogen, der zeitweise sogar die Ortelius verschwinden ließ, und so ging es bald wieder zurück zur Landestelle.

Nach unserem heutigen abendlichen Zusammentreffen mit der Rekapitulation des Tages und dem Ausblick auf morgen war es Zeit für ein ganz spezielles Abendessen. Unsere chinesischen Studenten und etliche Freiwillige hatten den ganzen Nachmittag gewerkelt und mehr als 1000 chinesische Teigtaschen (Dumplings) zubereitet – ein ganz vorzügliches Abendessen! Hotelmanager Robert nahm dies zum Anlass, um das Hotel-Team vorzustellen, das immerzu schwer arbeitet, um uns alle glücklich zu machen und bestens zu versorgen. Am späten Abend nahmen wir Kurs auf die Kante des Kontinentalschelfs von Spitzbergen, wo wir hofften, Wale zu sehen – leider war der Nebel ebenso beständig wie unkooperativ.

Bellsund: Ingeborgfjellet & Midterhuken
  • Datum: 03.08.2016
  • Position: 77° 44.0’ N / 014° 26.1’ E
  • Wind: W 3
  • Lufttemperatur: +7°C

Zweifelhaft tief hingen die Wolken am Morgen, und der Bellsund versteckte sich im Nebel. Über Nacht waren wir nach Norden gefahren und ankerten nun vor Ingeborgfjellet. In den unscheinbaren Schotterhängen versteckt sich eine große Krabbentaucher-Kolonie. Nachdem es pünktlich zum Frühstück etwas aufgeklart hatte, ging es anschließend mit den Zodiacs an den Strand.

Zum Glück waren nur die ersten Meter runde Kiesel, danach wanderten wir auf federnder Tundra landeinwärts. Wieder hatten wir uns in Gruppen aufgeteilt: Die Vogelbeobachter zogen es vor, beinahe die gesamte Landung bei den kleinen, lautstarken Alken zu verbringen, während andere auf eine längere Tour durch die Tundra gingen und Rentiere belauschten. Immer wieder hallte ein schauerlicher Laut von den Hängen – Polarfüchse ließen ihren heiseren Ruf hören, und wir alle bekamen endlich eines der scheuen Tiere zu Gesicht! Die Krabbentaucher waren ein Erlebnis für sich: die ewig unruhigen, kichernden Gesellen ließen sich auf den Steinen nieder, um kurz darauf wieder aufzufliegen, wann immer eine Eismöwe auf der Suche nach einer Mahlzeit über der Kolonie kreiste. Hinsetzen, auffliegen, hinsetzen, auffliegen …

Am Nachmittag hatte unser Expeditionsteam eine ganz besondere Landung vorbereitet. Bei Midterhuken durften wir uns in einem abgesteckten Gelände frei bewegen, während rings um uns die Guides Wache hielten. Wir konnten uns ein ruhiges Plätzchen suchen, die Aussicht von den Klippen genießen, die Frostmusterböden in der Tundra fotografieren – oder uns dazu überwinden, bei allerschönstem Sonnenschein ein Bad im eiskalten Meer zu nehmen. Unter reichlich Anteilnahme und mit viel Begeisterung gingen die ganz Mutigen (oder ganz Verrückten, je nach Sichtweise) baden. Wer kann schon von sich sagen, in der Arktis geplanscht zu haben?!

Viel zu früh mussten wir uns von diesem wunderbaren Platz verabschieden, und an Bord erwartete uns ein straffes Nachmittagsprogramm: Es galt, die Schiffsrechnung zu begleichen; außerdem gaben wir unsere Expeditions-Gummistiefel zurück, die uns in den vergangenen neun Tagen beste Dienste geleistet hatten. Schließlich lud das Team in die Bar, und wir stießen gemeinsam mit dem Kapitän und dem Expeditionsteam auf unsere erfolgreiche Reise an. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch die Einzelheiten zum morgigen Tag, ehe uns das Restaurant-Team zum letzten Abendessen an Bord erwartete. Wir schwelgten in kulinarischen Genüssen – und in jeder Menge Erinnerungen an wunderbare Momente unserer Reise.

Ausschiffung in Longyearbyen
  • Datum: 04.08.2016
  • Position: 78° 14.0’ N / 015° 37.2’ E

Der letzte Tag unserer Reise begann für einige von uns so zeitig, dass zweifelhaft war, ob es sich nicht einfach um eine Fortsetzung des vorletzten Tages handelte – jedenfalls war das Licht um Mitternacht genauso hell wie tagsüber. Diejenigen Gäste, die auf den Nachtflug gebucht waren, machten sich mitten in der Nacht auf den Weg. Alle anderen gingen entweder schlafen, drehten sich im Bett noch einmal um oder setzten ihre Gespräche in der Bar fort (oder das Packen in den Kabinen).

Am Morgen erwartete uns ein letztes Mal das Frühstücksbuffet der Ortelius, und mit Wehmut nahmen wir anschließend endgültig Abschied vom Hotel-Team, von der Mannschaft und den Guides. Am Pier erwartete uns ein Bus, um uns in den Ort zu bringen, und damit war unser arktisches Abenteuer zu Ende – aber nur für diesmal. Wir kommen wieder!

Gesamtdistanz auf dieser Reise: 1146 Seemeilen (2122 Kilometer)

Im Namen von Oceanwide Expeditions, Kapitän Ernesto Barría, Expeditionsleiter Troels Jacobsen und der gesamten Besatzung: Es war eine Freude, mit Euch zu reisen! Wir wünschen Euch eine sichere und angenehme Fortsetzung Eurer Reise und hoffen, Euch bald wieder auf der Ortelius begrüßen zu können.

Schiff-Info

Cabin

MS Ortelius

Die eisverstärkte Ortelius ist ein exzellentes Schiff für polare Expeditionsfahrten in die Arktis und Antarktis.

Alle Schiff-Informationen

Details

Tripcode:OTL11-16

Daten:26 Jul – 4 Aug, 2016

Dauer:9 Nächte

Schiff:MS Ortelius

Einschiffung:Longyearbyen

Ausschiffung:Longyearbyen

Trip-Log als PDF-Datei

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